Der arrogante Radhändler von Georg (06/2011)

Zum Thema ‚arrogante Radhändler‘ will ich euch ein Erlebnis der Sorte ‚Wer zuletzt lacht….‘ nicht vorenthalten.

Akteure:

– Mein bester Freund, S., freundlicher Mitbürger aus Osteuropa, absoluter Fahradnazi, hat jahrelang als Fahrradkurier in HH gearbeitet, alles andere als reich, mit hervorragenden Deutschkenntnissen, aber natürlich nicht akzentfrei.

– unser lokaler (Dorf-)Edel-Händler v.H., de Rosa Vertretung, ich selbst habe seine herablassende Art auch schon kennengelernt….

Der Stadtracer von S. brauchte dringend eine Überholung. Pedale fertig, Felgen fast durchgebremst, etc. Er besorgt die Neuteile aus diversen Quellen, alles mittlere Oberklasse. Bei der Montage stellen wir fest, dass für das Hollowtech-Tretlager Spezialwerkzeug nötig ist, was wir nicht haben. 🙁

S. schlägt vor, zu v.H. zu gehen und dort das Tretlager montieren zu lassen. Ich bin skeptisch, aber was soll schon passieren. Also mit Rad und Teilen in den Edelladen. V.H. unterbricht das Gespräch mit einem Bekannten/Kunden? (es geht um das Grillen am Sonntag…) nur kurz, um mit abfälligem Blick erst S.’s zerkraztes Badboy, dann meinen rostigen, 25 Jahre alten Benz zu mustern, bevor er sich kommentarlos wieder seinem Bekannten zuwendet.

Wir vertreiben uns etliche Minuten, vielleicht eine Viertelstunde, indem wir die ausgestellten Luxusräder bewundern. V.H. wirkt angenervt, beobachtet uns stets aus den Augenwinkeln, als hätte er Angst, wir wollten etwas stehlen. Als ich einen an der Wand hängenden Carbonrahmen anheben will, um das Gewicht zu erfühlen, raunzt er mich im Feldwebelton an: „Bitte nicht anfassen!“

Endlich bequemt er sich, zu fragen was wir denn wollten. Er lässt S., der das Tretlager schon in der Hand hat, gar nicht ausreden: „Das passt nicht!“

Wir insistieren, dass es doch passt. Widerwillig guckt sich v.H. den Rahmen und das Lager an. Ja, meint er, vielleicht passt es doch. Aber er wird sich nicht daran versuchen. Er montiert keine Teile, die nicht bei ihm gekauft werden. Mein Freund macht deutlich, dass er gewillt ist, v.H. nach Stundenlohn (45 Euro/Stunde steht auf einem Aushang im Geschäft) zu bezahlen. Nein, das sei Prinzip. Und überhaupt würde sich das bei dem ollen Rad nicht lohnen. Der Rahmen sei doch fertig, das sieht man doch (der Rahmen ist steif und gerade wie am ersten Tag, nur sehr unansehnlich).

Reichlich angepisst ziehen wir unverrichteter Dinge ab. Einen Tag später hat’s übrigens der Mini-Fahrradladen im Dorf, spezialisiert auf Kinderräder (!) für sage und schreibe 2 (zwei!!) Euro montiert.

Doch die Geschichte ist nicht zu Ende, denn man muss wissen, dass mein Freund S. seit vielen Jahren von einem de Rosa Rad träumt. Er hat viele Jahre darauf gespart, und ein halbes Jahr nach der Tretlagerepisode war es soweit: Sein massgefertigter Rahmen wird angeliefert. Zusammen mit einem Hamburger Fahrradhändler, den er schon lange kennt, wird das Rad fast durchgehend mit Campa Record Komponenten aufgebaut. Nur den ‚Kleinkram‘ machen wir zusammen selbst.

Zu guter letzt soll der Lenker gewickelt werden. „Warte mal, S., ich habe eine Idee….“

Ihr ahnt es sicher schon: Wir statten v.H. erneut einen Besuch ab. Allerdings erstmal ohne das neue Rad…

V.H. erkennt uns sofort wieder. „Na, habt Ihr das Tretlager reinbekommen?“ fragt er, wohl auf eine negative Antwort hoffend. Jedenfalls sieht er enttäuscht aus, als wir das nur kurz bejahen. Wir fragen nach Lenkerband. Ob er auch andere Farben hätte. Ja, hat er. Ohne grosse Begeisterung zeigt er uns seine Auswahl. S. und ich diskutieren, ob es nun das blaue oder schwarze sein sollte.

Nach ein paar Minuten schlägt v.H. vor, wir sollten doch mit dem Rad wiederkommen, dann könnten wir uns ja vielleicht entscheiden. Jetzt wolle er erstmal Mittag machen.

Darauf hatten wir nur gewartet. Punkt 15 Uhr schiebt S. sein brandneues, glitzerndes de Rosa, ohne Lenkerband in den Laden.

Manche Gesichtsausdrücke sind unbezahlbar…..

Radsport im Alten Land